Open­leaks geht in den Test­be­trieb, die taz und der Frei­tag sind dabei. Doch auf der neuen Leaking-Plattform müs­sen sie mit NGOs um ver­trau­li­che Infor­ma­tio­nen kon­kur­rie­ren. Müs­sen sich die Medien von ihrem Exklu­si­vi­täts­an­spruch ver­ab­schie­den, wenn sie im digi­ta­len Wett­kampf um die Gunst der Whist­leb­lo­wer mit­hal­ten wollen?

Ange­kün­digt war das Pro­jekt schon lange: Mona­te­lang hat Wikileaks-Renegat Daniel Domscheit-Berg mit sei­nen Getreuen daran rum­ge­wer­kelt, nun lässt er die Öffent­lich­keit auf  seine Leaking-Plattform Open­leaks los. Domscheit-Berg ruft im Inter­view mit dem Frei­tag, einem der Medien-Kooperationspartner, die Hacker zum Openleaks-Stresstest auf:  »Jeder der will, kann sich Open­leaks fünf Tage lang anse­hen und soll ver­su­chen, die Platt­form zu hacken, sie kaputt zu machen oder was auch immer.« Gele­gen­heit dazu soll es auf http://leaks.taz.de/ geben (ich bin selbst bis­lang noch nicht auf die Seite gekom­men, viel­leicht waren die Hacker ja schon erfolgreich…)

Domscheit-Berg hat immer wie­der betont, dass es sich bei Open­leaks um eine tech­ni­sche Dienst­leis­tung han­delt, die für eine sichere Daten­über­mitt­lung sorgt.  Selbst ver­öf­fent­licht Open­leaks nichts, das ist dann den jour­na­lis­ti­schen Koope­ra­ti­ons­part­nern über­las­sen, nament­lich die taz, der Frei­tag, die por­tu­gie­si­sche Wochen­zei­tung Expresso und die däni­sche Tages­zei­tung Dagb­la­det Infor­ma­tion. Wie das alles tech­nisch funk­tio­niert, beschreibt Netz­po­li­tik.

Mir geht es an die­ser Stelle um die Frage, was das für den (Online-)Journalismus bedeutet.

Miss­stände auf­zu­de­cken, ist nach wie vor die Auf­gabe einer funk­tio­nie­ren­den Presse, daran hat sich durch das Inter­net nichts geän­dert. Neu sind nur die Wege, die diese Infor­ma­tio­nen neh­men bzw. die die Infor­man­ten oder Whist­leb­lo­wer suchen. »Der Jour­na­lis­mus ist ange­wie­sen auf mehr oder weni­ger anonyme Tipp­ge­ber. Das Abzwei­gen von Doku­men­ten wird aber durch immer neue Über­wa­chungs­tech­ni­ken in Unter­neh­men oder Behör­den zuneh­mend erschwert. Mit Open­leaks haben wir nun eine Mög­lich­keit, dem etwas ent­ge­gen zu set­zen«, erklärt Rai­ner Metzger, stellvertretender taz-Chefredakteur, in sei­nem Kom­men­tar »Der kon­struk­tive Ver­rat« die Beweg­gründe, warum die alter­na­tive Zei­tung Openleaks-Medienpartner der ers­ten Stunde ist.

Kon­kur­renz um Vertrauliches

In der mehr­fach abge­si­cher­ten Anony­mi­tät sieht er das große Plus von Open­leaks, denn: »Nicht jeder kann und will die­ses Risiko ein­ge­hen, als Whist­leb­lo­wer an die Öffent­lich­keit zu tre­ten. Und nicht jeder poten­zi­elle Tipp­ge­ber ver­traut den Medien. Hier kann Open­leaks hel­fen.« Nur: Wenn ein Tipp­ge­ber den klas­si­schen Medien off­line nicht ver­traut, warum sollte er es dann online tun? Für die teil­neh­men­den Zei­tun­gen wird es daher die größte Auf­gabe sein, sich das Ver­trauen von Whist­leb­lo­wern zu erar­bei­ten, um über­haupt an ver­trau­li­che Doku­mente zu kom­men. Denn Open­leaks arbei­tet nicht nur mit Medi­en­part­nern, son­dern auch mit NGOs, als erste ist Food­watch mit am Start. Wenn ein Infor­mant — um ein fik­ti­ves Bei­spiel zu nen­nen — Dateien oder Mails am Start hat, die bele­gen, dass ein Bur­ger­fa­bri­kant Fleisch von mit Che­mi­ka­lien auf­ge­pepp­ten Rin­dern ver­ar­bei­tet, wird er sich eher an die nam­hafte NGO wen­den, die über Kampagnen-Power ver­fügt, als an die Zei­tung. Die Ent­schei­dungs­ho­heit, zu bestim­men, für wel­chen Part­ner eine bestimmte Infor­ma­tion bestimmt ist, ist ein zen­tra­les Ele­ment der Openleaks-Philosophie. Mit dem Anspruch der Medien, exklu­sive Sco­ops zu brin­gen, ver­trägt sich das kaum.

Natür­lich wird es auch Infor­man­ten geben, die via Open­leaks bri­sante Unter­la­gen direkt an Medien wie die taz lan­cie­ren. Dann ist die jour­na­lis­ti­sche Sorg­falts­pflicht gefragt. Rai­ner Metz­ger beschreibt das so:

Wir als Nach­rich­ten­me­dium sind dann in der Ver­ant­wor­tung, zu prü­fen, was ein unzu­läs­si­ger Ver­rat an Geschäfts­ge­heim­nis­sen, ein lebens­ge­fähr­den­der Geheim­nis­ver­rat ist und was nicht; wel­che Infor­ma­tio­nen von gesell­schaft­li­cher Rele­vanz sind und wo es um Denun­zi­an­ten­tum geht, wo das Infor­ma­ti­ons­recht über­wiegt und wo das Per­sön­lich­keits­recht Ein­zel­ner. Sol­che Prü­fun­gen sind nötig, weil auch Ent­hül­ler checks and balan­ces brauchen.

Wahre Worte, die anschau­lich beschrei­ben, worin ver­ant­wor­tungs­vol­ler Jour­na­lis­mus beste­hen sollte. Das gilt aber unab­hän­gig davon, ob die Infor­ma­tio­nen über eine Leaking-Plattform über­mit­telt wer­den oder auf kon­ven­tio­nel­lem Weg. Die Frage ist also: Lohnt sich für Medien der Auf­wand, sich bei Leaking-Plattformen wie Open­leaks ein­zu­klin­ken und mit NGOs und ande­ren Part­nern um Auf­merk­sam­keit zu kon­kur­rie­ren? Ist es sinn­vol­ler, eine eige­nen siche­ren digi­ta­len Brief­kas­ten auf­zu­ma­chen, wie das der Wes­ten getan hat? Oder hat inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus auch ohne digi­tale Infra­struk­tur eine Zukunft?

In jedem Fall ver­die­nen die teil­neh­men­den Zei­tun­gen Respekt dafür, dass sie das Wag­nis Open­leaks ein­ge­hen und sich dem Kon­kur­renz­kampf stel­len. Es wird äußerst span­nend sein zu sehen, mit wel­chem Erfolg sie sich an der »digi­ta­len Baby­klappe« beteiligen.

 

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