Sprin­ger und Süd­deut­sche sehen im iPad und Tablet-PCs die Garan­ten dafür, dass Paid Con­tent auch in Zukunft funk­tio­niert. Doch so ein­fach wird es nicht wer­den, vor allem wenn die Ver­lage wirk­lich sta­ti­sche »Anfang-Ende-Apps« auf den Markt bringen.

Ges­tern habe ich schon die wich­tigs­ten The­sen einer Dis­kus­sion über das Geschäfts­po­ten­zial von Apps für Tablet-Computer im Münch­ner Pres­se­club vor­ge­stellt, möchte die aber noch mit Zita­ten und mei­nen per­sön­li­chen Ein­schät­zun­gen anreichern.

Ich beschränke mich dabei auf die Äuße­run­gen von Jan Bayer und Rudolf Spind­ler, die als  Ver­lags­ma­na­ger die gro­ßen Tan­ker Sprin­ger und Süd­deut­sche reprä­sen­tie­ren und von daher sicher auf beson­de­res Inter­esse sto­ßen. Zum Ein­stieg noch­mal die fünf aus mei­ner Sicht wich­tigs­ten The­sen des Abends:

  1. der Glaube an Paid Con­tent ist ungebrochen
  2. eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte und muss nur medi­en­ge­recht erzählt werden
  3. Apple und die Tablets die­ser Welt wer­den es richten
  4. Die Online-Angebote der Ver­lags­häu­ser wer­den in Zukunft zuguns­ten der Paid Content-Apps inhalt­lich ausgedünnt
  5. Die Ver­lage befin­den sich in einer Expe­ri­men­tier­phase, was Nut­zungs– und Bezahl­ge­wohn­hei­ten, Sto­ry­tel­ling und Arbeits­or­ga­ni­sa­tion betrifft

Jan Bayer, Vor­sit­zen­der der Ver­lags­ge­schäfts­füh­rung der Welt Gruppe, trat beson­ders selbst­be­wusst auf. Er habe über­legt, ob er die Ein­la­dung über­haupt anneh­men solle, so der Springer-Manager, denn er habe keine Lust, »wie­der eine Jammer-Veranstaltung zu besu­chen«, bei der über die ach so schwie­rige Zukunft der Zei­tungs­bran­che geklagt werde. Das sieht der Bayer in Ham­burg näm­lich gar nicht so.

Großer Hoffnungsträger für Paid Content-Vorstellungen der Verlage: das iPad von Apple. Quelle: Flickr-User Steve Rhodes

Gro­ßer Hoff­nungs­trä­ger für Paid Content-Vorstellungen der Ver­lage: das iPad von Apple. Quelle: Flickr-User Steve Rhodes

Ganz im Gegen­teil: Bei Sprin­ger ist man äußerst opti­mis­tisch, was das Geschäfts­po­ten­zial von Apps für Tablet-Computer, allen voran für das iPad von Apple betrifft. »Es gibt eine Bereit­schaft, für Apps zu bezah­len«, betonte Bayer bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit. Zwar befinde sich das Seg­ment der Tablet-PCs noch am Anfang, habe aber auf jeden Fall Mas­sen­markt­fä­hig­keit, weil es gene­ra­tio­nen­über­grei­fend alt und jung anspräche.

Bayer ging sogar so weit zu sagen: »Das iPad kan­ni­ba­li­siert das Papier«, er spricht von 60 Pro­zent gerin­ge­ren Her­stel­lungs­kos­ten im Ver­gleich zu Print-Produkten. Daher wür­den die Preise für Apps deut­lich gerin­ger aus­fal­len kön­nen (die vier mal täg­lich aktua­li­sierte Welt-App, die aller­dings mir 100 Arti­keln auch deut­lich weni­ger Inhalt bie­tet als die 32-seitige Print-Ausgabe, kos­tet 11,99 Euro pro Monat), das Geschäfts­mo­dell bleibe aber das Glei­che: Leser bezah­len für jour­na­lis­ti­sche Inhalte. Natür­lich müss­ten diese anders, moder­ner, mul­ti­me­dia­ler auf­be­rei­tet wer­den. In ande­ren Wor­ten: Paid Con­tent is King.

Ein­wände, warum der Leser im Digital-Geschäft ver­gleichs­weise hohe Preise für sol­che Apps zah­len soll, wo er doch viele die­ser Inhalte auch in den Online-Auftritten der Ver­lage finde, wischte Bayer kühl bei­seite: »Die Online-Auftritte wer­den sich am meis­ten ver­än­dern, even­tu­ell wer­den dort künf­tig nur noch News zu fin­den sein.« In die­sem Punkt stimmte ihm auch SZ-Kollege Rudolf Spind­ler zu: »Immer weni­ger Ver­lage stel­len das, was sie aus­zeich­net, ein­fach so ins Netz for free.«

Ergo: eine inhalt­li­che Aus­dün­nung von Web­sites, um die an ech­tem Mehr­wert inter­es­sier­ten Leser zu den kos­ten­pflich­ti­gen Apps für mobile End­ge­räte zu treiben.

hier ein Video von Richard Gut­jahr, in dem er die ers­ten iPad-Apps der Print­bran­che bewertet:

Das klingt aus Ver­lags­sicht gut — aber auch ein biss­chen zusam­men­ge­reimt. Da ist der Wunsch Vater des Gedan­ken. Die iPad-Apps ste­hen erst ganz am Anfang, bis die Ange­bote jour­na­lis­tisch, erzähl­tech­nisch und von der Usa­bi­lity her aus­ge­reift sind, wer­den noch Jahre ver­ge­hen. In die­sen Jah­ren wird es wei­ter­hin viel guten Con­tent im Netz for free geben — und die­ser Con­tent wird zuneh­mend von erst­klas­si­gen Blog­gern und Unter­neh­mer­jour­na­lis­ten for free gelie­fert. Oder für einen frei­wil­li­gen Aner­ken­nungs­bei­trag via Micropayment-Plattformen a la Flattr oder Kachingle (Teu­fels­zeug in den Ohren von Jan Bayer, die Frage danach hin­ter­ließ ihn völ­lig verständnislos).

Die den Ver­la­gen so ver­hasste »Kostenlos-Kultur« wird nicht ein­fach so ver­schwin­den und wenn sich die Apps durch­set­zen sol­len, muss der Leser sie sich ers­tens maß­schnei­dern kön­nen (nur die Res­sorts, die ihn inter­es­sie­ren) und zwei­tens reell bepreist sein. Eine App, die teu­rer ist als das Print-Produkt, wie das momen­tan der Spie­gel ver­sucht, wird von einer Mehr­heit gerade der jungen-internet-affinen Leser als Ver­al­be­rung emp­fun­den werden.

Ein bemer­kens­wer­ter Aspekt der Dis­kus­sion war die Abge­schlos­sen­heit einer App. SZ-Produktentwickler Rudolf Spind­ler berich­tete von generv­ten Usern, die das »Gekli­cke im Netz« satt hät­ten. Wie schön sei da doch eine App, die einen Anfang und ein Ende habe, und noch dazu auf einem »sinn­li­chen und hap­ti­schen« Gerät, wie dem iPad genutzt wer­den könne. Seine Aus­füh­run­gen fasste Spind­ler unter dem Begriff »Ent­schleu­ni­gung« zusammen.

Beschleu­ni­gung statt Entschleunigung

Spricht Spind­ler, da von einer in sich geschlos­se­nen App ohne Links zur eige­nen Home­page, ohne Feed­back­mög­lich­keit? Wenn das mal nicht der Kar­di­nal­feh­ler der süd­deut­schen App-Entwickler wird. Hier kom­men wir wie­der zur Gene­ra­tio­nen­frage: Für ältere Nut­zer, ich sag mal jen­seits der 50, mag so eine Anfang-Ende-App viel­leicht etwas Schö­nes sein. Für die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen, die ihre digi­tale Iden­ti­tät auch dar­über defi­nie­ren, wel­che Online-Inhalte sie öffent­lich sicht­bar mit ihren Freun­den in den sozia­len Netz­wer­ken ihrer Wahl tei­len, wird die Anfang-Ende-App ein untaug­li­cher Ana­chro­nis­mus sein. Für diese Ziel­gruppe zählt nicht Ent­schleu­ni­gung, son­dern Beschleunigung.

Gut, dass Ver­lage wie Sprin­ger oder die Süd­deut­sche sich für Apps auf­ge­schlos­sen zei­gen und darin Zukunfts­chan­cen sehen. Die sta­ti­sche »Eine-für-Alle«-App wird nicht auf den grü­nen Zweig füh­ren, statt des­sen wird Dif­fe­ren­zie­rung nach Inhal­ten und Funk­tio­na­li­tä­ten gefragt sein.

2 Responses to Paid Content-Renaissance durchs iPad?

  1. epagee sagt:

    @H.Otto: Wenn alle gro­ßen Ver­lage eine Paid­Con­tent Lösung anbie­ten, da bleibt dem User nichts ande­res übrig, als für Inhalte zu zah­len. Ich bekomme sämt­lich Nach­rich­ten und News kos­ten­los im Netz, warum sollte ich mir ein Zei­tung kau­fen. Wenn es von den Ver­la­gen in naher Zukunft keine Bezahl­schranke gibt, dann wer­den sich Umsätze und Gewinne mas­siv verringern.

  2. H. Otte sagt:

    Wer sein Web­an­ge­bot hin­ter einer Bezahl­mauer ver­schwin­den lässt, schau­felt sich sein eige­nes Grab. Wenn Burda, Sprin­ger und SZ das so hand­ha­ben soll­ten, wird man sich in Ham­burg bei Spie­gel Online freuen: Die haben näm­lich bereits Paid Con­tent, aber eben auch ein star­kes Online-Only-Angebot, das ohne das Print-Produkt funktioniert.

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