Die Social Payment-Dienste Kachingle und Flattr ver­su­chen auf dem deut­schen Markt Fuß zu fas­sen. Vor allem für Blog­ger kann sich das schnell loh­nen. Auch für die deut­schen Medi­en­häu­ser könnte mehr als »lousy pen­nies« her­aus­sprin­gen — wenn Sie ihre Pay Wall-Fantasien auf­ge­ben.

Am Mon­tag durfte ich beim Münch­ner Medi­en­ge­spräch der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Kachingle-Gründerin Cyn­thia Typal­dos und Vor­wärts–Online-Redakteur Kars­ten Wenz­laff über Social Pay­ments dis­ku­tie­ren. (eine Zusam­men­fas­sung in Video und Audio rei­che ich nach, sobald sie vor­liegt). Genauer gesagt ging es um Social Pay­ments im Ver­lags­um­feld und um die große Frage, wie viel die User bereit sind, frei­wil­lig für jour­na­lis­ti­schen Con­tent zu zah­len. Ein sehr span­nen­des Thema, das auch die Medi­en­ver­lage nicht nur die­ser Repu­blik umtreibt.

Cyn­thia Typal­dos zählt mit Kachingle zu den Pio­nie­ren im Social Payment-Sektor. Für alle, die nicht wis­sen, wie Kachingle funk­tio­niert: Man zahlt fünf Dol­lar pro Monat bei Kachingle ein und Kachingle ver­teilt vier davon (20 Pro­zent sind Trans­ak­ti­ons­kos­ten, die sich Kachingle und Pay­pal tei­len) auf alle Web­si­ten, deren Kachingle-Medaillon man besucht hat — und zwar ganz gerecht nach der Anzahl der Visits. Auf YouTube erklärt Cyn­thia ihren Dienst persönlich:

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Seit kur­zem gibt es einen zwei­ten ähnli­chen Micropayment-Dienst namens Flattr.

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Der große Unter­schied: Bei Flattr (einer Grün­dung des ehe­ma­li­gen Piratebay-Betreibers Peter Sunde) kann man jeden ein­zel­nen Arti­kel »flattern«. Cynthia Typal­dos — die Kachingle-Chefin — sieht den User damit aber über­for­dert und ver­weist auf das »Para­dox of Choice«. Bei Kachingle geht es eher um eine Art insti­tu­tio­nelle Unter­stüt­zung einer Seite.

Beide Dienste ste­hen noch ziem­lich am Anfang (Flattr ist gar noch in der Beta-Phase), inso­fern sind die Umsätze, die damit erzielt wer­den, noch sehr über­schau­bar. Kachingle setzt hier auf größt­mög­li­che Trans­pa­renz und ver­öf­fent­licht auf sei­ner Seite, wer wem wie viel Geld hat zukom­men las­sen. Spit­zen­rei­ter ist das deut­sche Poli­tik– und Medi­en­öko­no­mie Blog Carta. Seit Dezem­ber sind etwas mehr als 200 Dol­lar zusam­men­ge­kom­men. Da mag man auf den ers­ten Blick an die »Lousy Pen­nies«, denen Hubert Burda zu so gro­ßer Auf­merk­sam­keit ver­hol­fen hat. Und das soll ein Geschäfts­mo­dell sein?

Nun, bevor man vor­schnell einen Deckel auf diese Modelle macht, lohnt ein dif­fe­ren­zier­ter Blick: Die 200 Dol­lar stam­men von 69 Leu­ten, das macht im Schnitt also knapp 3 Dol­lar pro Per­son in sechs Mona­ten. Pro Per­son und Monat also 50 US-Cent. Noch ist Kachingle (in Deutsch­land) kaum bekannt und am Anfang der Expe­ri­men­tier­phase. Außer­dem gibt es momen­tan einen monat­li­chen Höchst­be­trag von fünf Dol­lar. Aber die Bedie­nung ist sim­pelst, die Erfah­run­gen und die Ver­brei­tung wer­den zunehmen.

Viele Blogs set­zen auf Flattr

Hier gibt es noch ein enor­mes Wachs­tums­po­ten­zial. Weni­ger, was den durch­schnitt­lich pro Seite abge­führ­ten Betrag betrifft (der eher abnimmt, wenn viele wei­tere Sei­ten Kachingle-Medaillons ein­füh­ren), aber in puncto Nut­zer­masse. Und viele Bäche mün­den in einen gro­ßen Strom (so lau­tet die Flattr-Maxime). Für Blog­ger könnte das eine durch­aus inter­es­sante — und auch rele­vante Ein­nah­me­quelle sein. In den letz­ten Tagen mehr­ten sich die Mel­dun­gen von gro­ßen Blogs, dass sie Social Pay­ment aus­pro­bie­ren, wobei Flattr hier belieb­ter zu sein scheint. (z.B. netz­po­li­tik, netz­wer­tig, Indis­kre­tion Ehren­sa­che. Einen lesens­wer­ten Ver­gleich zwi­schen Flattr und Kachingle gibt es bei Ikosom).

Wie sieht es mit Zei­tun­gen aus? Social Payment-Pioniere sind die taz und der Frei­tag (beide Flattr) und der Vor­wärts (Kachingle und Flattr). Belast­bare Ergeb­nisse gibt es noch nicht. Wenn renom­mierte Medien diese Tools ein­bauen und dar­über berich­ten, kann das einen gro­ßen Katalysator-Effekt haben, erst recht, falls sich ein ganz gro­ßer Tan­ker dafür ent­schei­den würde. So sieht das auch Cyn­thia Typal­dos, die diese Woche auf Marketing-Reise in Deutsch­land ist.

Für die Online-Angebote von gro­ßen Titeln wie Spie­gel Online, Welt oder sueddeutsche.de könn­ten da mit­tel­fris­tig schon fünf­stel­lige Euro-Beträge pro Monat rum­kom­men. Das reicht sicher nicht zur Finanzierungs-Revolution, aber ein wei­te­rer — eher wach­sen­der Kanal — neben der für viele Online-Angebote noch als Haupt­säule fun­gie­ren­dem Anzei­gen­auf­kom­men wäre das schon. Eine Einnahme-Evolution sozusagen.

Social Pay­ment gibt dem Nut­zer volle Souveränität

Eine Ent­schei­dung für Social Payment-Dienste im Ver­lags­um­feld hieße aber auch Ver­zicht auf Paid Content-Walls. Leser stö­ren sich ja oft an den von den Ver­la­gen dik­tier­ten Abo-Preisen für Online-Angebote. Voll­kom­men indis­ku­ta­bel ist zum Bei­spiel die Spiegel-App für iPhone und iPad, die mit 3,99 Euro sogar teu­rer ist als Spiegel-Print-Ausgabe, die 3,80 Euro kos­tet. Außer­dem sind die Online– bzw mobi­len Abo-Angebote von Medi­en­häu­sern oft nicht ziel­ge­nau: Man muss ein gan­zes Por­tal abon­nie­ren oder eine ganze App. Und sich dem Preis beu­gen, den die Ver­le­ger gerne haben möch­ten. Im Vor­hin­ein, ohne manch­mal genau zu wis­sen, was einen erwartet.

Social Pay­ment wäre ist für den Nut­zer viel attrak­ti­ver: Er kann selbst ent­schei­den, FÜR WAS er WIE VIEL Geld aus­ge­ben möchte. Und zwar nach­dem er das Ange­bot genutzt und bewer­tet hat. Das würde natür­lich einen Kon­troll­ver­lust für die Anbie­ter bedeu­ten, aber die bringt die Kom­mu­ni­ka­tion im Inter­net nun mal mit sich. Ich bin sicher, der Leser würde die ihm ein­ge­räumte Sou­ve­rä­ni­tät fair nut­zen und sei­nen Teil zur Finan­zie­rung von (gutem) jour­na­lis­ti­schen Inhalt bei­tra­gen, weil auf­ge­klär­ten Nut­zern klar ist, dass pro­fes­sio­nelle Recher­che und Pro­duk­tion ihren Preis haben und sich nicht allein durch Wer­bung refi­nan­zie­ren. Wenn die (Zei­tungs– und Zeitschriften-)Verlage hier ein biss­chen mehr Risi­ko­be­reit­schaft und Expe­ri­men­tier­freude zei­gen, haben Sie eine Zukunft und kön­nen alle Lügen stra­fen, die — wie Cyn­thia Typal­dos — sagen: »Print is dead«.

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6 Responses to ®Evolution durch lousy pennies?

  1. […] ®Evo­lu­tion durch lousy pen­nies? | PIN-​Blog Bernd Oswald über Poli­tik im Netz Die Social Payment-​Dienste Kach­in­gle und Flattr ver su chen auf dem deut schen Markt Fuß zu fas sen. Vor allem für Blog ger kann sich das schnell loh nen. Auch für die deut schen Medi­en häu ser kön­nte mehr als »lousy pen nies« her aus sprin gen — wenn Sie ihre Pay Wall-​Fantasien auf­ge­ben. (tags: media econ­omy flattr kach­in­gle) Trackbacks […]

  2. […] für  (inves­ti­ga­tive) Geschich­ten und vom Nut­zer selbst bestimmte Micro­pay­ments. (Kachingle und Flattr wer­den nicht unter sich blei­ben). Ver­öf­fent­licht von Bernd Oswald am 2. Juni 2010 in […]

  3. Bernd Oswald sagt:

    ganz so eng würde ich es nicht sehen, aber man kann natür­lich auch »jour­na­lis­ti­sche Inhalte« sagen

  4. Irene sagt:

    Genauer gesagt ging es um Social Pay­ments im Ver­lags­um­feld und um die große Frage, wie viel die User bereit sind, frei­wil­lig für jour­na­lis­ti­schen Con­tent zu zahlen.

    Con­tent ist ein Marketing-Begriff für aus­tausch­ba­res, bil­li­ges Füll­ma­te­rial zwi­schen den Anzei­gen. Wer einen Text schätzt, sollte ihn nicht als Con­tent beschimpfen.

  5. […] This post was men­tio­ned on Twit­ter by Elke Wei­ler, Jörg Eisfeld-Reschke. Jörg Eisfeld-Reschke said: Heu­tige Lese­emp­feh­lung: »Evo­lu­tion durch lousy pen­nies?« http://bit.ly/dDiC5y (von @berndoswald ) #Soci­al­Pay­ment #Flattr #Kachingle […]

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