re:publica — jenseits des Glaubenskriegs
Die re:publica 2010 war keineswegs nur was für Geeks und Nerds: Hochkarätige Redner und ein breit gefächertes Programm zeigen, dass die »Blogger-Konferenz« zum Experten-Forum für die relevanten Fragen der digitalen Gesellschaft geworden ist.
“Eine Woche Nerdistan und zurück” ist ein griffiger Titel – so muss es ein Blogger machen. Der renommierte »Spiegelfechter«, zugleich Juror bei »Best-Of-Blogs«, besuchte die re:publica und bricht den Stab über eine »stellenweise doch arg ‘nerdige’« re:publica:
Da waren sie wieder – die Blogpropheten, die aufgedreht wie Strukturvertriebler auf Speed der deutschen Blogosphäre das Geld verdienen beibringen wollen, die Nerds, deren Witze ich nicht einmal im Ansatz verstehe und die Geeks, die sich gegenseitig mit ihren tollen neuen Ipads imponierten.
Inhaltlich kann ich die Kritik gar nicht teilen. Ich habe gerade erst mit dem Bloggen angefangen und war das erste Mal auf der re:publica — brauche also nicht im Verdacht zu stehen, jetzt eine reflexhafte Verteidigungsreplik verfassen zu müssen. Ich hätte mir die re:publica viel nerdiger und geekiger vorgestellt. Diese Begriffe an Leuten festzumachen, die mit Ihren tollen neuen ipads rumspielen, halte ich für viel zu kurz gegriffen.
Das Fazit einer Konferenz sollte sich doch am Inhalt des Geschehens festmachen: Hier gab es ein weites Spektrum spannender Themen: von Netzneutralität über Bloggerzensur, E-Campaigning und Datenschutz-Kultur bis hin zur Debatte ums Leistungsschutzrecht. Viele Keynotes wurden von international angesehenen Experten wie Tim Wu, Peter Kruse, Geert Lovink und – ja – Jeff Jarvis vorgetragen. Natürlich wird viel Wind um Jarvis gemacht und der gute Jeff ist auch ein exzellenter Selbstvermarkter. Aber zumindest kennen sollten man ihn schon, wenn man auf die re:publica geht. Dass der Spiegelfechter Jens Berger entgeistert angeschaut wurde, weil er mit dem Namen Jarvis rein gar nichts anfangen konnte, ist wirklich nicht verwunderlich.
Immer wieder wird auch die vermeintliche Selbstreferentialität der Konferenz und der Szene bekrittelt: Das ist ein wirklich alberner Einwand, das kann man über jeden Kongress sagen. Sehr schön legt das auch Thomas Knüwer auf seinem Blog “Indiskretion Ehrensache” dar. (Respekt Herr Berger, dass Sie hier Ihre Voreingenommenheit einräumen!)
Es gibt wirklich genug Gegenbeispiele. Vor allem den allseits hoch gelobten Vortrag des Organisationspsychologie-Professors Peter Kruse. Der Bremer Wissenschaftler legte sehr plastisch dar, über welche Aspekte der Wertewelt Internet es zum Glaubenskrieg zwischen »Digital Visitors« und »Digital Residents« kommt — um gleich zu fordern, dass dieser »irrationale Glaubenskrieg der Experten die Gesellschaft polarisiert und die Weiterentwicklung in Deutschland ausbremst«. Wer bislang eine soziologischer Überhöhung des Kulturkampfes ums Internet vermisste, dem sei Kruses Vortrag in Wort und Bild ans Herz gelegt. (Der Ton des Videos ist nicht so kräftig, ich empfehle zum besseren Verständnis die Slides der Präsentation neben dem Video anzuschauen)
Einige Netzpolitiker, an der Spitze Markus Beckedahl, der Veranstalter der re:publica, werden zudem der Enquete-Kommission »Internet und digitale Gesellschaft« des Bundestages angehören. Hier zeigt schon der Titel, dass die Diskussion um die Freiheit des Internets und die Auswirkungen des Netzes auf unser alltägliches Leben längst den Elfenbeinturm verlassen haben.
Es gibt dennoch noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, Konferenzen wie die re:publica und die Berichterstattung darüber in klassischen Medien, leisten dafür einen wertvollen Beitrag.







@spiegelfechter
das »stellenweise« ist bei mir nicht verloren gegangen, steht in dem Satz, der das Zitat einleitet drin.
Hallo Bernd, da hast Du mich aber auch arg selektiv zitiert. Den zitierten Text leite ich ja mit dem Attribut »stellenweise« ein, ansonsten fällt meine re:publica-Retrospektive eigentlich sehr positiv für die Veranstalter aus.