Wer keinen Mehrwert schafft, hat keinen Wert mehr
Die Veröffentlichung des afghanische Kriegstagebuchs durch Wikileaks zeigt, wie sehr Journalisten ihre Gatekeeper-Hoheit verlieren und dass ihr Nutzen künftig vor allem darin besteht, eine Informationsflut mit den neuen technischen Möglichkeiten ansprechend aufzubereiten.
Zu Beginn des Jahres war Wikileaks in erster Linie bei politisch interessierten, besonders netzaffinen Menschen bekannt. Durch die Veröffentlichung der »Collateral Murder«-Videos (das zeigt, wie amerikanische Soldaten aus einem Hubschrauber heraus Zivilisten im Irak erschießen) weitete sich die Bekanntheitsgrad stark aus. Seit dem 26. Juli spricht (fast) die ganze Welt über Wikileaks. Die »Whistleblower«-Plattform hat mit der Veröffentlichung von mehr als 76.000 Datensätzen über den Afghanistan-Krieg (15.000 weitere folgen erst noch) einen medialen Scoop gelandet. Dieser Scoop fiel noch größer aus, weil Wikileaks die drei Meinungsführer-Medien New York Times, Guardian und den Spiegel vorab mit dem brisanten Material versorgt hatte und alle drei ihre Aufbereitung der Daten zeitgleich veröffentlichten.
Neue Disziplin Datenjournalismus
Das »Afghan War Diary« zeigt, wie sehr das Selbstverständnis des (investigativen) Journalismus ins Wanken gerät. Nicht mehr die Journalisten suchen sich ihre Informanten, die Informanten suchen sich die Journalisten. Goodbye, Gatekeeping. Sehr treffend formuliert das auch Lorenz Matzat auf seinem Blog Datenjournalist:
»Der bislang einmalige Vorgang, dass eine halb-klandistine nicht-staatliche Organisation im großen Stil auf internationaler Ebene das Nachrichtengeschehen massiv bestimmt, dürfte eine Zäsur für den Journalismus darstellen. Und verdeutlicht auch den Wandel der Journalistenrolle.«
Die Veröffentlichung der Afghanistan-Datensätze bringt — so Matzat — einen neues journalistisches Format mit sich: den Datenjournalismus und bei dem geht es
»nicht primär um den Skandal, den einzelnen ‘Scoop’, sondern [darum] den Hintergrund eines komplexen Geschehens wie dem Afghanistankrieg zu erhellen.«

Interaktive Afghanistan-Karte des Guardian, auf der man 300 militärische Zwischenfälle nach Kategorien geordnet anklicken kann.
Wie haben die drei beteiligten Print-Größen in der neuen Disziplin abgeschnitten? Wenn man sich die Aufbereitung des Daten-Konvoluts aller drei Medien ansieht, kommt man zu dem Schluss, dass nur der Guardian wirklich Datenjournalismus betrieben hat. Oder um genauer zu sein: Die journalistische Visualisierung von Daten. Das »Afghanistan War Logs«-Special des Guardian glänzt mit einer interaktiven Grafik, in der 300 besonders schwerwiegende militärische Auseinandersetzungen auf einer Afghanistan-Karte eingezeichnet sind. Per Klick auf einen farbigen Punkt gelangt der User zum entsprechenden Datensatz, für dessen Lektüre es auch eine Gebrauchsanweisung per Video gibt. Auf Flickr hat der Guardian eine Gruppe, auf der User Grafiken einstellen können, die sie auf Grundlage des Datenmaterials erstellt haben. Da kommen die New York Times — sonst oft Branchenführer im multimedialen Storytelling — und der Spiegel nicht mit — wie Spiegel Online-Chefredakteur Rüdiger Ditz auch einräumt.
Visualisierung als Schlüssel zum Erfolg
Wenn die Journalisten also Material mit solcher Reichweite nicht mehr (oft) selbst ausgraben, dann wird es umso wichtiger, dass sie ihre Energie und Kompetenz in die Aufbereitung dieser Daten stecken. Wenn sie das so machen wie der Guardian, schaffen sie einen echten Mehrwert für ihre Leser. Der — nicht immer unumstrittene — Journalismus-Vordenker Jeff Jarvis hat das schön auf den Punkt gebracht:
»…the paper’s journalists added value: digging through the data, giving it perspective, editing out dangerous pieces, getting reaction, and then giving it audience and attention. That is the role journalists will continuously perform in the future: adding value. Wikileaks and the leaker didn’t need the Guardian, The Times, and Der Spiegel; as Wikileaks has proven many times, it can publish its information to the world without help. But they chose to work through those publications because of the value they would add.«
Natürlich kann man auch durch textbasierte Analysen und Reportagen Mehrwert schaffen. Aber im digitalen Zeitalter wird die Visualisierung von (komplexen) Informationen der Schlüssel zum Erfolg im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser sein.






[…] ist noch keine zwei Monate her, dass die Veröffentlichung der Afghan War Diaries durch Wikileaks für großes Aufsehen sorgte. Dabei wurde auch die Frage aufgeworfen, wie gut die drei […]